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Das 18. Jahr

Das 18. Jahr. Ich bin krank. Ich habe es schon früh gemerkt, vornehmlich, als ich von den Ursachen meines Krankseins darauf hingewiesen wurde. Manchmal meine ich es nicht zu merken aber kriecht mir Unzuverlässigkeit oder Nachlässigkeit und hernach Scham die Hautwände herauf, so bin ich mehr infantil als ich anders sein könnte. Ich würde mich gerne zusammenfalten zu mancher Zeit - und auch das erlaubt mir das Kranksein nicht. Ich werde seit einiger Zeit immer gemeiner sobald ich etwas erlerne, was über mich hinausgeht, also suchen die Fürsorger mir den Unterricht zu ersparen. Ich gewöhne mich daran, mich auf das Kranksein zu verlassen und die kleinsten Qualen zu genießen die sich mein Körper gelegentlich selbst zufügt, die ihm ein andermal aber auch zugefügt werden. Damit mein übermäßiges Kranksein nicht auffällt, schreibe ich jeden Morgen im Wartezimmer ein Attest, das mir der Arzt unterzeichnet, nachdem er mir Tabletten oder wahlweise Flüssigkeiten gegen den Grund verschrieben hat. Sonst verlasse ich kaum das Haus. In jenen Wänden muss sich niemand wehtun. Selbst zerbrochene Gläser sind noch weich und formbar und an manchen Tagen hoffe ich, in den Scherben zu ertrinken. Nur will ich nicht aufhören zu atmen, nicht mal mit Splitten im Hals und Gesicht. Ich nehme also Vorschriftsgemäß meine Medikamente ein um diesen Zustand zu ertragen. Ich lese, was auf den Packungsbeilagen streiche ich schließlich alles an, was mir geschieht und einmal im Monat bringen die Fürsorger sie zur Post. Ich darf dann im Auto mitfahren und meine augeschwemmten Augen sehen die des Fahrers im Rückspiegel. Aufmerksam betrachten sie meine Symptome. Aufgeplatzte Haut, wie Kirschblüten im Spätsommer. Er mustert sie mit ausgiebigem Interesse. Blüten. Wunden. Eigentlich mache ich das nicht. Und schon gar nicht bei fremden Leuten im Auto. Doch heute brauche ich Milch, Brot und Briefmarken. Die hinteren Scheiben sind abgedunkelt. Keiner hat ein Wort von dem Mädchen gesagt, neben dem ich jetzt sitze. Ich muss sie die ganze Zeit ansehen und das kommt mir vor, als würde es so erwartet. Sie ist so ruhig. Ich meine nicht still, sondern ruhig. Die Fahrt dauert lange. Man kann nicht nach draußen sehen und dieses Mädchen sitzt einfach da ohne ihre Gliedmaßen ineinander zu schlingen wie Mädchen es immer tun. Wie ich es tue. Ich sehe meine Hand, wie sie nach ihrer greift. Ihre rast an meinem Unterarm entlang. Sie hält Licht welches glänzt, bis ich nichts mehr sehen kann vor bunter Leuchtpunken. Weiße Glühkäfer stolpern über meine verzierten Wangen und toten Augen. Tränen. Sie brennen ihren Weg durch meine Haut, reißen sie auf. Sekunden. Aus meiner Haut bricht dasselbe Licht. Ich glaube zu ersticken. Zu platzen. Sie lächelt und plötzlich ist alles ganzstill, ganz Dunkel, die bedrohliche Helligkeit vergessen. Nur feuchte spuren blinder Tränen auf unversehrte Haut. Weiß und steif. Das Auto bleibt stehen, ich steige aus und trete in das müde Tageslicht, welches mich zu umgeben gewohnt war. Sie vergessen die Briefmarken für mich nicht, sagt das Mädchen neben mir so leise, dass ich aus dem Schlaf auffahre. An einem Finger zieht sie mich fort. Ich gehe mit ihr zu den Umschlägen, um eine Ecke, wo sie uns nicht sehen. Ich falte sie vorsichtig zusammen bis sie nicht größer ist als eine Postkarte und stecke sie ein. Ich spüre ihre Hand noch immer auf meinem Arm und ihre Füße in meinen, sie läuft so schnell sie kann, ich komme ihr nach und lasse sie nicht alleine ihren Sumpf durchschwimmen. Ich höre und Sehe nichts mehr, ihr Herz gräbt sich durch mein Handgelenk und alles, was wir sind wird von sauerstoffbeschlagenen Stimmen und Großstadtlärm zersetzt. Alleine steige ich ins Auto. Ich fahre noch viele Stunden lang umher von einer Stadt in die andere, bis sie ihr erstes Ufer sieht und langsam die Gesichter dieser Menschen liegen lässt.
9.7.08 18:36
 
Letzte Einträge: rührend. kitschig wie marzipan.



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